Der Tag, an dem Mozart Autumn Leaves spielte

Im ersten Satz von Mozarts Klaviersonate Nr. 12 in F-Dur, KV 332, gibt es eine Stelle, die mich seit Jahren nicht loslässt. Zum ersten Mal aufgefallen ist sie mir in der Aufnahme von Glenn Gould.

Der Satz wechselt ständig seinen Charakter: Eben noch lyrisch, dann verspielt, im nächsten Moment plötzlich dramatisch. Und gegen Ende der Exposition, nachdem Mozart nach c-Moll abgebogen ist, passiert etwas Merkwürdiges.

Für ein paar Sekunden scheint Mozart das Jahr 1783 zu verlassen.

Der Bass setzt sich in einer Quintfallsequenz in Bewegung. Die rechte Hand wirft ihre Akkorde auf die unbetonten Zählzeiten, Mozart springt ständig zwischen Forte und Piano hin und her, und die Harmonik ist voller Septakkorde. Die ganze Passage hat einen rhythmischen Drive, der beinahe – anders kann ich es nicht nennen – swingt.

Jedes Mal, wenn ich sie hörte, dachte ich: Warum klingt Mozart hier plötzlich nach Jazz? Genauer gesagt: Warum klingt Mozart hier plötzlich nach Autumn Leaves?

Mozart macht einen Sprung in die Zukunft

Das rhythmische Muster taucht ungefähr ab Takt 56 auf. Zwischen Takt 60 und 65 rastet dann die vollständige harmonische Maschine ein.

In modernen Akkordsymbolen sieht die Folge ungefähr so aus:

Cm7 – Fm7 – B♭7 – E♭maj7 – A♭maj7 – Dm7♭5 – G7

Und jetzt Autumn Leaves in c-Moll:

Fm7 – B♭7 – E♭maj7 – A♭maj7 – Dm7♭5 – G7 – Cm

Von Fm7 bis G7 ist die Folge identisch.

Nicht bloß irgendwie ähnlich. Nicht nur „so etwas in der Art“. Mozart spielt hier tatsächlich den harmonischen Kern von Autumn Leaves. Er steigt lediglich einen Akkord früher in den Kreis ein und verschiebt die endgültige Rückkehr nach c-Moll nach hinten.

Für einen kurzen Moment läuft Mozart damit direkt in einen Jazzstandard hinein, der erst anderthalb Jahrhunderte später geschrieben werden sollte.

Natürlich ist die Quintfallsequenz selbst alles andere als modern. Schon zu Mozarts Zeit war sie ein uraltes Stück musikalischer Mechanik. Modern klingt, was Mozart daraus macht.

Er präsentiert keine trockene Kette schlichter Dreiklänge. Er verwandelt sie in einen Strom von Septakkorden, verteilt die Harmonik auf einen schreitenden Bass und synkopische Akkorde in der rechten Hand und lässt die Dynamik scharf zwischen Forte und Piano hin- und herspringen.

Das harmonische Gerüst ist alt. Aber die Art, wie Mozart es inszeniert, klingt verblüffend neu.

Und plötzlich hörte ich es überall

Lange wusste ich gar nicht, was dieses Ding eigentlich war.

Ich kannte nur das Gefühl, das es auslöste: diese eigentümliche Mischung aus Vertrautheit und Bewegung, als wäre die Musik auf ein Laufband gestiegen. Jeder Akkord schien den nächsten geradezu zwangsläufig hinter sich herzuziehen.

Irgendwann begann ich, die Bewegung auch anderswo wiederzuerkennen.

Natürlich in Autumn Leaves. In Gary Moores Still Got the Blues. In Teilen von Lionel Richies Hello. In Jazzstandards, Popballaden und Filmmusik. Und irgendwann hörte ich sie ständig in der Barockmusik. Vor allem, als ich anfing, mich ernsthafter mit Vivaldi zu beschäftigen – den ich den größten Teil meines Lebens ignoriert hatte.

Sobald man weiß, worauf man achten muss, scheinen einem die Quintfallsequenzen bei ihm kistenweise entgegenzukommen. Da ist sie schon wieder: Ein Akkord fällt eine Quinte – oder steigt eine Quarte – zum nächsten, und die Folge rollt mit diesem wunderbar effizienten barocken Schwung weiter.

Mozart hatte also kein geheimes harmonisches Portal entdeckt. Die Quintfallsequenz gehörte zu den zentralen Maschinen der Barockharmonik. Bach, Händel und Vivaldi verwendeten sie ausgiebig, besonders in Moll.

Die klassische Mollform lautet:

i – iv – VII – III – VI – ii° – V – i

Steigt man an einer anderen Stelle ein und ergänzt Septimen, bewegt man sich bereits im harmonischen Gebiet von Autumn Leaves, Still Got the Blues und unzähligen anderen Songs. Mozart hat diese Sequenz also nicht erfunden. Aber was hat er mit ihr gemacht?

Mozart zerlegt die Vivaldi-Maschine

Ich kann natürlich nicht beweisen, dass Mozart hier ausdrücklich Vivaldi zitiert. Noch weniger kann ich beweisen, dass er sich über ihn lustig macht.

Aber ich kann die Passage kaum noch anders hören.

Mozart führt den Mechanismus mit beinahe komischer Direktheit ein. Zunächst etabliert er diese seltsame Offbeat-Textur. Dann setzt sich die vollständige Sequenz in Bewegung und rollt durch den Quintenzirkel – eine harmonische Station nach der anderen –, während die abrupten Forte-Piano-Kontraste jeden einzelnen Schritt regelrecht in die Musik stempeln.

Das Ganze wirkt fast wie eine Collage. Als hätte jemand ein großes Stück barocker Harmoniemaschinerie genommen und es mitten in eine klassische Sonate fallen lassen.

Und damit ist Mozart noch nicht fertig. Später, in der Durchführung, holt er dasselbe rhythmische und klangliche Muster wieder hervor, zerlegt es und verwendet die Einzelteile für etwas Neues.

Mich erinnert das an die Szene aus Amadeus, in der Mozart Salieris kleinen Marsch hört, ihn augenblicklich durchschaut und sofort beginnt, etwas viel Interessanteres daraus zu machen. Natürlich ist der Film keine Dokumentation. Aber als Bild für Mozarts musikalische Intelligenz ist die Szene unwiderstehlich.

In KV 332 höre ich etwas ganz Ähnliches:

Ach, du meinst diese alte Akkordfolge? Und wenn wir Septimen dazunehmen? Wenn wir die Akkorde neben den Beat setzen? Wenn wir Forte und Piano hart gegeneinanderprallen lassen? Und wenn wir die ganze Textur später auseinandernehmen und noch einmal ganz anders verwenden?

Vivaldi liefert die Maschine. Mozart schraubt das Gehäuse ab, übertaktet sie und lässt die Einzelteile durch die Luft fliegen.

Auch das ist natürlich meine Lesart und keine gesicherte Aussage über Mozarts Absichten. Aber sie trifft ziemlich genau, was diese Stelle beim Hören mit mir macht.

Und genau darin liegt für mich das Faszinierende: Mozart tut hier zwei Dinge gleichzeitig.

Einerseits zitiert er ein barockes Klischee – die Quintfallsequenz, ein musikalisches Standardbauteil, das schon 1783 alles andere als neu war.

Andererseits modernisiert er es: mit Septakkorden, synkopischen Einsätzen, harten Dynamiksprüngen und einer beinahe postmodernen, collageartigen Art, ein deutlich erkennbares musikalisches Objekt in den Satz einzusetzen und dessen Textur später an anderer Stelle wiederzuverwenden.

Mein erster Eindruck war also nur halb falsch. Mozart hat Autumn Leaves nicht erfunden. Aber er nahm eine alte barocke Sequenz, setzte sie in einen völlig neuen Rahmen – und ließ sie klingen, als wäre sie aus der Zukunft gekommen.


Quellen und weiterführende Literatur

Die Passage steht im ersten Satz von Mozarts Klaviersonate Nr. 12 in F-Dur, KV 332. Die synkopische Textur beginnt ungefähr in Takt 56; die eigentliche Quintfallsequenz läuft in den Takten 60 bis 65 durch c-Moll. (Partitur)

Eine Untersuchung der zirkulären Sequenzen in Mozarts Klaviersonaten beschreibt für die Takte 60 bis 65 die Grundtonfolge C–F–B♭–E♭–A♭–D–G sowie die spätere Wiederverwendung des rhythmischen und klanglichen Musters in der Durchführung. (Circular Sequences in Mozart’s Piano Sonatas)

Zur Konstruktion und Geschichte der Quintfallsequenz siehe Music Theory for the 21st-Century Classroom. (The Circle of Fifths Progression)